Gedanken…

…sind so eine Sache. Besonders wenn sie nicht ausgesprochen werden. Viele von euch kennen das sicher: Man unterhält sich mit Menschen, die man schätzt, die man gerne in seiner Nähe hat. Irgendwann fallen Bemerkungen, denen man nicht zustimmen möchte, die einen irritieren, vielleicht fassungslos, manchmal auch wütend machen. Und man sagt: Nichts, oder zu wenig. Dem Frieden willen. Vielleicht auch aus Angst vor Ablehnung. Und was ich viel schlimmer finde: Man verliert unter Umständen die Achtung für den Gegenüber.

Dann, so zumindest bei mir, beginnt das Gedankenkarussel sich zu drehen. Hättest du doch etwas gesagt, hättest zumindest versucht deine Meinung, Werte und Ideale zu vertreten. Hättest deinem Gesprächspartner die Chance gegeben, seine Aussage zu überdenken, zu reflektieren und vielleicht sogar zu revidieren. „Dann halt beim nächsten Mal“ sage ich mir, eigentlich aber hoffend, dass ich nicht erneut auf diese Probe gestellt werde. Doch es passiert wieder und wieder.

Und dann kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man (hoffentlich konstruktiv) Stellung bezieht. Man zieht eine Grenze, nicht zuletzt um den eigenen Selbstwert zu schützen. Dieser Punkt ist nun für mich erreicht, aufgrund einer etwas merkwürdigen Gemengelage: Meiner Erlebnisse an einem der herzlichsten Orte, die ich je kennenlernen durfte, der Landtagswahl in Thüringen und durch die Lektüre von George Orwells 1984.

Hier sitze ich nun und habe das Glück, nicht sprechen, sondern schreiben zu dürfen.

Zur Sache

Der (wenn auch kurze) Aufenthalt im CMSP war für meine Familie eine einschneidende Erfahrung, die hoffentlich lange nachwirkt. Ohne Übertreibung kann ich sagen: Nie zuvor habe ich so herzliche, offene, fröhliche und glückliche Menschen kennengelernt. Wie ich bereits schrieb, wurden wir unabhängig unserer Hautfarbe oder Herkunft sofort in die „Familie“ des Dorfes aufgenommen, wir waren binnen kürzerster Zeit integriert. Dass wir kein Tagalog sprechen und unsere Englischkenntnisse ebenfalls ausbaufähig sind, hatte für uns keine nachteiligen Konsequenzen. Geduldig nahm man sich die Zeit, bis wir alles verstanden hatten. Auch außerhalb des CMSP, z. B. in Naic, hatten wir nie den Eindruck abgelehnt zu werden. Im Gegenteil, wir wurden stets resprektvoll angesprochen, Türen wurden aufgehalten, Hilfestellungen wann immer benötigt angeboten. Und nichts wird vorgespielt, alles scheint authentisch. Selbst der Bürgermeister der Stadt schüttelte uns mehrfach voll Dankbarkeit die Hand. Ein „Wir“ vs. „Die Anderen“ war nicht zu spüren. Integration von der Mehrheit aus gedacht. Gelebte Inklusion.

Drehen wir den Spieß um: Wie geht man in Deutschland mit Neuankömmlingen um? Allein die Hautfarbe oder „mangelnde“ Deutschkenntnisse treiben einigen (oder vielen?) Bundesbürgern schon Schaum vor den Mund. Integrieren soll sich die Minderheit. Aber am liebsten sollen Fremde gleich draussen bleiben. Wegen der Herkunft, der Hautfarbe. Wegen der Kultur und der Werte. Welche eigentlich? Das Christentum kann es ja nicht sein, sonst würden wir den Menschen mit Nächstenliebe begegnen. Also was?

In einem längeren Gespräch mit John Paul (ein junger Mann aus dem Kinderdorf) tauschten wir uns über das Schöne in unseren Ländern aus. J. P. erzählte mir von seiner Heimatinsel Palawan, ich sprach über Berge und Schnee. „Some day I’d like to see Germany“ sagte er irgendwann. Klar, gerne! Von einigen oder vielen Menschen könntest du aber enttäuscht sein. Wir sind weit davon entfernt so gastfreundlich und offen zu sein wie die Menschen auf den Philippinen. Das „Klima“ in Deutschland, in Europa, eigentlich der ganzen westlichen Welt hat sich verändert. Wie sollte ich ihm das erklären? Ich ließ es bleiben.

Überhaupt. Wir in Europa haben alles im Überfluß. Uns mangelt an nichts, auch die Ärmsten unter uns haben so viel mehr als die Mittellosen auf den Philippinen. Aber trotzdem gelingt es uns nicht andere Menschen offen aufzunehmen, ihnen zu helfen, sie willkommen zu heißen. Im Gegenteil. Ich schäme mich oft für meine Landsleute. Für ihre Wortwahl, die Verachtung anderen Menschen gegenüber, den Hass. Die Parolen.

Viele Dinge lassen sich in Deutschland beobachten, die sich in den letzten 10 Jahren spürbar verändert haben. Die Sprache verroht, das Unsagbare wird salonfähig. Das Vokabular verändert sich, Begriffe werden gezielt genutzt um Gruppen herabzusetzen, ihnen menschliche Eigenschaften abzusprechen (z. B. „Migrationsströme“). Mauern werden in den Köpfen errichtet. „Wir“ vs. „die Anderen“. Gewalt gegen Minderheiten nimmt zu und wird von einzelnen Parteien verharmlost oder bewusst ausgeblendet: Parteien am rechten und linken Rand seien gleichermaßen zu bekämpfen. Ach wirklich? Stachelt Herr Ramelow also seine Anhänger auch an, Synagogen anzugreifen, gegen Geflüchtete zu hetzen? Benutzt Worte wie „Umvolkung“? Verharmlost den Holocaust? Ich glaube, davon hätte ich gehört. Es wird Schützenhilfe geleistet, indem man versucht, die „Sorgen“ der Menschen ernst zu nehmen, anstatt ihnen klar zu machen, dass sie irrational, oft aus reiner Angst handeln. Ich finde das „Grasen“ der Parteien am rechten Rand unerträglich.

Es tut mir weh, wenn im eigenen Umfeld Menschen, die man lieb gewonnen hat, die man respektiert, auf einmal beschließen ihr Kreuz für eine antidemokratische und rechtsradikale Partei zu machen. Wenn ich höre, wie Parolen und Verschwörungstheorien der Rechten offen weitergegeben, Errungenschaften der Freiheit aus den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg verteufelt werden (z. B. EU, Schengen, Euro). Für unsere Freiheit haben Menschen ihr Leben gelassen. Zeugnisse des Krieges stehen überall bei uns im Wald. Schaut sie euch an, beschäftigt euch mit dem Grauen des Holocaust, des Krieges, der Flucht. Zieht daraus Konsequenzen. Viele Menschen aus meinem Umfeld bezeichnen sich als Christen, ob sie es wirklich sind, mag ich nicht zu beurteilen. Ich erlaube mir aber es in Frage zu stellen, wenn dieselben Personen eine Partei vom rechten Rand wählen. Nichts passt für mich so wenig zusammen wie der christliche Glaube und rechtes, menschenverachtendes Gedankengut. Natürlich sind die Motive für die Wahl nicht immer Fremdenfeindlichkeit, sondern oft nur Unzufriedenheit. Ich würde mir aber wünschen, dass jeder seine eigenen Motive kennt, sich selbst beobachtet und nach Alternativen für die Wahl sucht.

Wie wollen wir eigentlich von Fremden behandelt werden? Mit Ablehnung? Verachtung? Hass? Ich glaube nicht. Hoffen wir, dass wir nie flüchten müssen oder auf die Hilfe anderer Staaten angewiesen sein werden. Dass unsere demokratische Grundordnung stark genug ist, antidemokratische und antipluralistische Bewegungen aufzuhalten.

Vor einiger Zeit lief in der ARD das Drama „Aufbruch ins Ungewisse“. Der Film beschäftigt sich mit dem Thema Flucht, jedoch aus der anderen Richtung. Aufgrund von Einschränkungen der Meinungsfreiheit in Deutschland durch eine rechte Regierung muss hier eine Familie fliehen – nach Afrika. Eine beklemmende Vision, aber wirklich so fern? Wird Meinungsfreiheit nicht oft missverstanden, im Sinne von: Ich darf sagen was ich will und keiner widerspricht? Was wenn nur die Parteimeinung erlaubt ist? Wollen wir das? Und der Film schafft noch etwas: Er ermöglicht mehr Empathie mit den Protagonisten, da er sich nicht mit der Fremd- sondern mit der Eigengruppe befasst. Einen ähnlichen Kniff nutzt die Verfilmung von Grishams Roman „Die Jury“, in der es u. A. um die Vergewaltigung eines schwarzen Mädchens durch eine Gruppe weißer Männer geht. Im Schlussplädoyer schildert der Anwalt (gespielt von Matthew McConaughey) die Vergewaltigung und versucht die Empathie der weißen Jury für das Opfer im Schlusssatz zu wecken: „Nun stellen Sie sich vor, sie (das Mädchen) sei weiß!“

Ich möchte nicht das meine Freiheit eingeschränkt wird. Das wir heute frei in Europa reisen, und mit einer Währung bezahlen können sind nur die äußeren Vorteile eines freien und geeinten Europas. Ich möchte stolz sein, ein Europäer zu sein. Viele Staaten unter dem Dach der EU. Eine großartige Errungenschaft. Jahrzehntelanger Frieden. Freiheit. Wohlstand. Aber die Zeichen stehen auf Spaltung und ich fange an, mich zu schämen. Vor J. P., Jazel und den anderen Kindern.

Ich wünsche mir für uns alle (und besonders für unsere Kinder) eine Zukunft in einem Land, das sich offen menschenverachtender Rhetorik und den daraus resultierenden Taten und Handlungen entgegenstellt. Eine Zukunft in einem Land, das aus seiner Vergangenheit gelernt hat, diese annimmt und daran mitwirkt, dass sich etwas wie der Holocaust nie mehr wiederholen kann. Überall auf der Welt (vielleicht so, wie es Hiroshima mit der Atombombenächtung versucht). Ein erster Schritt wäre mehr Offenheit. Anderen Menschen, Kulturen und Religionen gegenüber. Gehen wir auf andere Menschen zu. Heißen wir sie willkommen. Besinnen wir uns auf unser Grundgesetz, auf die Menschenrechte und handeln danach.

Ich habe mir für die Zukunft vorgenommen nicht mehr zu schweigen. Ich möchte diskutieren, Grenzen setzen. Ob ich das schaffe, kann ich nicht sagen. Aber ein Versuch ist es wert.

Wir sehen uns Weihnachten!

Viele Grüße aus Chiang Mai,

Daniel

5 Antworten auf „Gedanken…“

  1. Hallo Daniel,
    ein bemerkenswerter Text. Ich ziehe meinen Hut. Deinem Vorbild entsprechend erlebe ich viele (junge) Menschen, die ihre Stimme für ein menschliches Miteinander die Stimme erheben. Das macht Mut.
    Bis bald
    Peter

  2. Danke, dass du uns an deinen Gedanken teilhaben lässt.
    Es sind tatsächlich auch Beobachtungen und Fragen die ich mir schon sehr lange stelle. Verhaltensweisen, mit denen wir in unseren engsten Kreisen immer wieder konfrontiert werden und ich mich dann frage, wie solche Gedanken zustande kommen, wenn man sich doch zur Liebe Gottes bekannt hat.
    Es hilft auch selber zu reflektieren inwieweit man sich von anderen beeinflussen lässt in seinem Verhalten den „Fremden“ gegenüber.
    Und auch zu hinterfragen wie weit das Verständnis für die Ängste und Gefühle der Europäer reicht aber für Menschen in Leid und Not fehlt. Grenzen der Nächstenliebe und Menschlichkeit verschwimmen. Auch wenn wir das einsehen fällt es uns trotzdem oft schwer mit Liebe allen Menschen zu begegnen. Aus Angst vor Ablehnung nehme ich an.

  3. Toller Text,
    Er beschreibt auch meine momentane Gefühlslage und die Fassungslosigkeit über die heutige Situation in Deutschland und Europa.
    Während hierzulande Klimawandelleugner und Faschisten zu großer Zustimmung gelangen, geht es Menschen z.B. auf den Philippinen viel schlechter, sodass sie auch deutlich unzufriedener sein könnten als im Konsumgeprägten Europa. Trotzdem kommen sie Fremden mit so viel mehr Zuneigung entgegen.
    Diese Umstände sind erschreckend und ich hoffe sie werden sich nicht noch weiter verschlimmern.
    Herzliche Grüße und noch viel Spaß auf eurer weiteren Reise.
    Leon

  4. Danke für Eure Kommentare!
    Es freut mich, dass Ihr unsere Berichte mit Interesse verfolgt. Vielleicht ergibt sich nach unserer Rückkehr das ein oder andere Gespräch.
    Viele Grüße aus Thailand!

  5. Dieser Text, lieber Herr Mölders, Ihre Gedanken und die ausgezeichneten Beobachtungen sprechen mir aus dem Herzen. Mir macht große Angst, dass schon Kinder und Jugendliche sich im rechten Milieu einrichten. Nur gemeinsam können wir, damit meine ich alle demokratischen Menschen in unserem Land, dieser unfassbaren Missachtung von Demokratie und Menschenwürde begegnen.
    Ich für meinen Teil tue da überall meinen Mund auf, wenn ich merke, dass es in die falsche Richtung geht. Meinen Weihnachtsbrief für die Franziskusstiftung habe ich mit der Frage: „Was ist los in unserem Land?“ überschrieben. Dabei ist mir bewusst: nicht nur schreiben und diskutieren- sondern klare Kante zeigen, da wo es dringend nötig ist. Freue mich auf ein Wiedersehen und auf gute Gespräche! Liebe Grüße an die ganze Familie!
    Br. Wolfgang Mauritz ofm

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