Nun war es Ende Februar so weit, montags wollte ich los, Spanien war das Ziel. Der Wetterbericht verhieß für die Tage allerdings nichts Gutes, Nervosität und Zweifel nahmen zu. Passt die Ausrüstung? Habe ich an alles gedacht? Bin ich fit genug? Bei dem Wetter? Warum machst Du das eigentlich? „Du spinnst doch“ hörte ich meinen inneren Kritiker sagen. Gestartet bin ich dann am Mittwoch, als sich etwas weniger Regen andeutete.
Ich sollte es nicht bereuen. Die erste Etappe hatte es zwar in sich, wollte ich doch direkt nach Luxemburg (Stadt). Als ich kurz nach Beginn bei der Flüchtlingsunterkunft Langschoss bereits den höchsten Punkt der Route erreichte, machte sich Erleichterung breit. Läuft, trotz Schnee auf den Wegen und einsetzendem Regen. Ab Lammersdorf auf die Vennbahntrasse, bis kurz vor die luxemburgische Grenze nahezu flach, dann „ein bisschen“ rauf und runter in Luxemburg. Theorie und Praxis klafften ab Mittag weit auseinander. Als ich gegen 19:00 Uhr an der Jugendherberge ankam, war ich völlig erschöpft…und glücklich.


Obwohl jede Stadt, jedes Land, jede Region und Route es verdient hätten detailliert beschrieben zu werden, habe ich mir vorgenommen, nicht zu umfangreich über die eigentliche Tour zu berichten. Einprägsamer sind für mich andere Erfahrungen, denen ich auch Aufmerksamkeit schenken möchte. Also dann:
Vorweg: Spanien habe ich nicht erreicht, das Wetter sollte nicht mitspielen. Die Mischung aus Regen und Sturm ist für mich der Endgegner, dem ich nur gegenübertrete, wenn ich keine andere Wahl habe. Ich beendete die Reise in Avignon, gesättigt mit dem Gefühl der Zufriedenheit.
Nach der ersten, sehr kräftezehrenden Etappe (im Norden Luxemburgs geht’s für Radfahrende nur rauf und runter) führte mich der Weg an Tag 2 über die französische Grenze an die Mosel. Flüsse und Kanäle sollten mich ab Frankreich fast ununterbrochen begleiten. Am Nachmittag erreichte ich nach einer entspannten Tour Metz. Die Infrastruktur in Frankreich sorgt für rasches und kräftesparendes Vorankommen, Höhenmeter gibt es an Wasserwegen naturgemäß nahezu keine. Und so blieb noch ausreichend Energie um mir, trotz Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt, die Stadt anzusehen. Am dritten Tag erreichte ich kurz nach Mittag Nancy. Immer noch kalt, musste ich in Bewegung bleiben, um bei der Besichtigung der Stadt nicht auszukühlen. Die stete Bewegung auf dem Rad sorgt, bei der von mir gewählten Kleidung, für ausreichend Wärme. Für Stadtbesichtigungen zu Fuß bei kaltem Wetter dann allerdings nicht ideal.






Am vierten Tag beschloss ich, die zunächst geplante Route zu verlängern. Ursprünglich wollte ich in Épinal übernachten, fuhr dann aber noch weitere 30km in die Vogesen. Die Qualität der Wege und der leichte Wind aus nordöstlichen Richtungen erleichterten die Entscheidung. Die Umgebung um das kleine Dorf Rasey lud abends bei strahlendem Sonnenschein noch zu einer kleinen Wanderung ein.




Tag 5 stellte mich vor die Entscheidung, entweder weiter dem Wasser (jetzt der Saône) zu folgen oder stattdessen mehr als 25km abzukürzen, allerdings über einen Höhenzug. Nach den Erfahrungen in Luxemburg entschied ich mich für den Fluss, trotz der deutlich längeren Route. Ich merkte schnell, dass meine Ansprüche als Radreisender andere sind, als wenn ich mit dem MTB unterwegs bin. Die Effizienz des Vorankommens bekommt einen höheren Stellenwert, Wegqualität steht vor sportlicher Herausforderung. Pragmatismus ist, gerade wenn die Infrastruktur mit den Ansprüchen nicht mithalten kann, gefragt. Und so finde ich mich auch in Frankreich ab und zu auf einer Landstraße wieder, wenn der eigentliche Weg nicht passierbar zu sein scheint. Am späten Nachmittag erreiche ich Gray.


Die Etappen wurden fast unmerklich länger. Plante ich nach Luxemburg ursprünglich Etappen von 80-100km, so war ich nun bei 140km angekommen. Und sagte mir, es war eine Ausnahme, die nächste Tour würde kürzer werden. Wurde sie nicht. Ich wählte meine Etappenziele nach erdachter Sehenswürdigkeit, wollte meist in größeren Städten übernachten. Und zu meiner Überraschung funktionierte es. Ich kam gut voran, genoss die immer präsenter werdende Sonne. An Tag 6 erreichte ich Chalon-sur-Saône und hatte bereits beschlossen, am nächsten Tag bis Lyon zu fahren. Ich erfuhr aber auch, was es bedeutet, nicht ausreichend auf den Körper zu achten. Ich hatte über Tag zu wenig getrunken und gegessen, fühlte mich am Ziel unterzuckert. Die Lernkurve ist in solchen Momenten steil: Für die kommenden Tage hatte ich stets ausreichend Kalorien und Flüssigkeit dabei.



Lyon, Geburtsstadt von Antoine de Saint-Exupéry, Tag 7. Hier pausierte ich einen Tag, nicht zuletzt, um mir die Stadt ausgiebig anzusehen. Ich übernachtete in einer Jugendherberge im höher gelegenen westlichen Teil mit phänomenalem Blick über die Metropole. Die ganze Stadt ist Zone 30, nur auf wenigen Straßen darf schneller gefahren werden.















Tag 9: Ziel war ein Homestay südlich von Valence. Zunächst galt es jedoch, die Region Lyon zu verlassen. Die Route sollte der Rhone Richtung Süden folgen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Weg richtig geplant habe, jedoch führten mich die ersten 30km entlang der bekannten „Autoroute du soleil“ (was für ein Euphemismus), die Autobahn, die auch mitten durch Lyon führt. Ich fragte mich zeitweise, ob man die Straße zuerst riechen oder hören würde, wenn man in die Nähe kommt. Lärm und Gestank sind allgegenwärtig und es gibt Menschen, die im Dunstkreis dieser Straße leben (müssen? Für mich verdichtet sich in solchen Momenten so vieles, was in unseren Gesellschaften falsch läuft).
Der Wind hatte in den letzten Tagen auf Südwest gedreht, so dass ich erst nach 18:30 Uhr mein Ziel erreichte, wohlig erschöpft. Ich traf auf eine weltoffene Gastgeberin und einen Niederländer, der ebenfalls zu Gast war. Wir unterhielten uns viel, vor Allem über das Reisen. Ich fand es herzerwärmend, wie wir uns austauschten, der Sprache des jeweils anderen so gut wie gar nicht mächtig. Wir unterhielten uns in einem Gemisch aus Französisch, Englisch, Spanisch, Flämisch und Deutsch, was teils mehrfach übersetzt werden musste. Gelacht haben wir viel.


Dass die Etappe an Tag 10 meine letzte werden würde, ahnte ich schon beim Blick auf die Wettervorhersagen, wollte mir die Entscheidung aber nicht zu leicht machen. Ich erreichte Avignon am Nachmittag, der Gegenwind hatte im Vergleich zum Vortag nachgelassen. Strahlende Sonne und eine atemberaubende Kulisse. Eine Stadt der Widersprüche: Arm, hohe Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Internationaler Tourismus. Viele (Kunst-)Museen, der Palast der Päpste und natürlich die berühmte Brücke (oder das, was davon übrig ist. Übrigens ein Lehrstück und eine Mahnung in Bezug auf die absehbaren Folgen des Klimawandels!). Ich blieb hier 3 Nächte und fuhr montags mit dem TGV in Richtung Heimat.














Ich war keine 2 Wochen von zu Hause weg, eine kurze Zeit. Hätte das Wetter mitgespielt, hätte ich nach Plan 5 Tage später Barcelona erreicht. Vor der Tour hätte ich das nicht mit Gewissheit sagen können, jetzt kann ich es. Um nochmal die Lernkurve zu bemühen: die ist steil. Ich lernte, was funktioniert. Ich erfuhr, was möglich ist und was nicht, z. B. das Vorankommen auf unterschiedlichen Wegbeschaffenheiten einzuschätzen. Entdeckte meine Grenzen und damit auch die Möglichkeit, diese weiter auszuloten. Ich war frei in jeder Hinsicht. Route, Ziel, Unterkunft, Zwischenstopps. Ich wusste sehr schnell, was ich mir zumuten kann und was nicht, was mir sehr bald auch die Verunsicherung nahm. Ich wurde selbstsicher genug, um Entscheidungen für Etappen zu treffen, die ich mir vorher nicht zugetraut hätte. „Die Welt wird kleiner“, so kommentierte ich in den ersten Tagen nach der Rückkehr meine eindrücklichsten Erfahrungen. Weil ich in der Lage bin, in relativ kurzer Zeit ein Ziel zu erreichen, ohne Hilfsmittel, die ich nicht ausreichend beherrsche. Das macht selbstsicher und frei, ich bin nicht abhängig von Tankstellen, Werkstätten, teurer Infrastruktur. Ich kann auf mich selbst vertrauen, meinen Körper, die Fähigkeiten mir bei einer Panne selbst zu helfen, meine Erfahrung, die während der Reise sehr schnell aufgebaut wird. Die Gewissheit: Heute Abend eine warme Dusche, ein leckeres Essen und ein gemütliches Bett. Mehr braucht es nicht. Dabei eingebettet in wechselnde Landschaften, Hügel, Täler, Auen. Dörfer, Städte, Menschen, Tiere. Wetter. Immer draußen und laufend neue Eindrücke. Aber auch allein mit Gedanken und Emotionen. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst, die bei mir zu einem großen Teil zu dieser intensiven Erfahrung beigetragen hat.
Andere Radfahrende berichten von ähnlichen Erfahrungen. Kurz nach der Heimkehr sah ich durch Zufall ein Interview SWR mit Wiebke Lühmann, die von Freiburg bis nach Kapstadt mit dem Fahrrad gefahren ist. Sie beschreibt das Radfahren als „Empowerment“. Und das ist es, ein Lehrstück in Sachen Selbstwirksamkeit und -vertrauen, die Wiederherstellung von Autonomie, die Gewissheit, die Zügel in der sprichwörtlichen Hand zu halten. Und sich bei alldem mit Um- und Mitwelt verbunden zu fühlen.
Natürlich war meine Reise deutlich kürzer und weniger abenteuerlich als eine Fahrt nach Südafrika. Und sicherlich bedarf es einiger Privilegien, solche Abenteuer überhaupt wagen zu können. Dennoch, und dieser Punkt ist mir sehr wichtig: Das Fahrrad und dessen Nutzung ist kein Privileg, unabhängig davon, wozu ich es nutze. Es befähigt zu mehr Mobilität, fast unabhängig vom Geldbeutel und ist damit weit demokratischer und inklusiver als andere Verkehrsmittel. Es löst von Abhängigkeiten, die meisten dürften zudem in der Lage sein, selbstständig kleinere Reparaturen durchzuführen, während dies bei PKWs nur schwer bis gar nicht ohne Werkstatt möglich ist.
Was bleibt nun? Die angenehme Erinnerung an ein Abenteuer, das sich gelohnt hat. Und das sicher nicht das letzte seiner Art bleiben wird. To be continued…
PS: Unzureichende Fahrradinfrastruktur ist in Frankreich wie in Deutschland ein Problem, aggressives Verhalten gegenüber nicht motorisierten Verkehrsteilnehmern ebenfalls. Zum Glück gibt es Möglichkeiten, auf die Belange von Radfahrenden aufmerksam zu machen: Weltweit und auch in vielen deutschen Städten finden hierzu einmal im Monat spontan und unorganisiert Menschen auf Rädern zur „critical mass“ zusammen und fahren gemeinsam durch die Straßen. In Düren trifft man sich hierzu jeden 2. Freitag im Monat um 18:00 Uhr auf dem Marktplatz. Jede(r) mit Fahrrad ist willkommen!
PPS: Gefolgt bin ich in Frankreich der Voie Bleue und der Via Rhona, beides gut ausgebaute Radrouten. Die Etappe quer durch Luxemburg kann ich nicht empfehlen, hier ist die Strecke an Rhein und Mosel über Koblenz undTrier sicher eine bessere Alternative. Sollte Interesse am genauen Routenverlauf, Streckenlänge und Höhenmeter bestehen, könnt ihr mich gerne anschreiben, ich kann entsprechende Infos über komoot bereitstellen. Email: daniel@moelders.name
PPPS: Seht mir bitte die Qualität der Bilder nach, an mir ist wirklich kein Photograph verloren gegangen 🙂

