Delhi

Da waren wir nun in der Hauptstadt Indiens. Gestärkt durch die erholsamen Tage in Goa und mit dem Wissen, das indische Großstädte sehr anstrengend sein können, verbrachten wir die letzten Tage vor unserer Heimreise mit Sightseeing. Die Smogwerte sprengten die Skala, jedoch zeigte das Thermometer angenehmere Temperaturen als in Kolkata oder Chennai, wodurch die Luft etwas erträglicher war. Unser Hotel war recht komfortabel (auch wenn wir 2 tage kein heißes Wasser hatten) und die Anbindung an nahezu alle Sehenswürdigkeiten dank der Nähe zur Metro gewährleistet.

Die Stadt

Unseren Plan, das Taj Mahal zu besuchen, hatten wir aber sehr schnell aufgegeben. Die lange Fahrt mit dem Taxi oder der Bahn war es uns nicht wert, denn schließlich gab es in Delhi selbst auch etliche Mausoleen ähnlicher Bauart und Pracht zu bewundern (siehe das Titelbild). Die Stadt hat, was Sehenswürdigkeiten angeht, viel zu bieten: Neben dem Safdarjung-Mausoleum besuchten wir das rote Fort (zumindest von außen), etliche der wunderschönen und prachtvollen Parks, das India Gate, einige Plätze, Märkte und Denkmähler. Zwischendurch stärkten wir uns in einer der vielen Malls.

Was unseren Aufenthalt von einem klassischen Städtetrip jedoch unterschied: Wir waren immer noch in Indien. Armut, Dreck und Müll waren allgegenwärtig. Die Menschen lebten auf und zwischen den Straßen, auf der einen Seite zur Schau gesteller Reichtum, auf der anderen massives Leid. Aber so zynisch das klingt: das waren wir mittlerweile gewohnt. Wir trafen Frauen, die uns ihre Säuglinge zeigten und uns um ein paar Rupien baten. Wir sahen Menschen, die scheinbar verwirrt auf den Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen auf und ab gingen und mit kaum mehr als einen Fetzen Stoff bekleidet waren. Lena gab bettelnden Kindern Äpfel, welche dankend angenommen wurden. Wir waren mittelerweile davon abgekommen Geld zu geben, da immer die Gefahr bestand, dabei beobachtet zu werden und im Anschluss von einer Horde Kinder umringt zu sein (oder Schlimmeres).

Erlebnisse

Wir besuchten einen Markt und ließen uns von einem „Schleuser“ in einen Laden für Pullis führen (Jona wollte unbedingt einen neuen Pullover). In den Gängen saßen ältere Herren, die an noch älteren Nähmaschinen Kleidung im Akkord nähten. Wir bekamen einen „echten“ Markenpulli und zahlten für indische Verhältnisse natürlich zu viel (und es war trotzdem billig). Unsere anfängliche Angst, die wir noch keine 2 Wochen zuvor an solchen Orten verspürt hätten, machte allmählich einer gewissen Ruhe Platz. Wir fühlten uns zwar nicht sicher, hatten aber nicht mehr das dringende Bedürfnis zu flüchten.

Unangenehm wurde es hingegen, als wir versuchten in Alt-Delhi die Jama Masjid zu besichtigen. Nachdem wir uns das rote Fort von außen angesehen hatten, wollten wir quer durch die Altstadt in Richtung Moschee. Unterwegs trafen wir einen sehr gut deutsch sprechenden Exil-Inder, der uns davon abriet unser Vorhaben weiter zu verfolgen, denn es seien Großdemonstrationen der Hindu-Nationalisten geplant und daher auch Zusammenstöße mit Muslimen zu erwarten. Wir sollten doch versuchen, das Viertel Richtung Süden zu verlassen, er würde in die gleiche Richtung gehen. Kurze Zeit später wurde er zunehmend nervös und forderte uns energisch auf, doch bitte ein Taxi zu nehmen, es sei hier nicht mehr sicher. Das taten wir, mussten aber noch fast 20 Minuten unter den Blicken der meist männlichen und Fahnen schwenkenden Demonstranten warten. Ohne Kinder schon beängstigend, mit 3 Kindern erst recht. Am Abend erfuhren wir dann über die Nachrichten, dass bei Zusammenstößen zwischen besagten Gruppen mehrere Menschen ums Leben gekommen waren.

Eine unserer letzten Stationen führte uns schließlich zum India Gate, einem Triumphbogen zur Erinnerung an die gefallenen indischen und britischen Soldaten, welche für das britische Empire im 1. Weltkrieg gekämpft haben. Nachdem wir die massiven Sicherheitsvorkehrungen passiert hatten (wie übrigens vielerorts in Delhi, sicher fühlten wir uns trotzdem nicht), baten uns unzählige Menschen um Fotos (was mit der Zeit echt lästig werden kann). Insbesondere Bilder mit Lena und Timo waren heiß begehrt! Das blonde Menschen mit blauen Augen Interesse und Erstaunen heroverrufen, hatten wir bereits in Südkorea erlebt, in Delhi hatte es aber aufgrund der Distanzlosigkeit einiger Inder eine andere (unangenehme) Dimension. Ein Mann brachte es sogar fertig, Timo aus heiterem Himmel auf den Mund!! zu küssen. Für Timo war danach der Tag gelaufen. Die meisten Begegnungen waren aber sehr angenehm und boten uns Gelegenheit für etwas Smalltalk.

Fazit

Indien polarisiert. Wir haben weniger gute Erfahrungen gesammelt, was aber nicht zuletzt an unserer Art der Bereisung und wahrscheinlich auch mangelnder Vorbereitung liegen dürfte. Man sollte jemanden an der Seite haben, der das Land kennt und ortskundig ist. Wahrscheinlich wäre unser Bild dann ein anderes gewesen. Dennoch hatten wir reichlich positive Begegnungen und Erlebnisse. Gerne erinnern wir uns zurück an „Science city“ in Kolkata, den Freizeitpark in Chennai, die Parks in Delhi, freundliche Menschen, die Sikh am India-Gate, schier endlose Verhandlungen auf den Märkten…

ABER…und das ist mir sehr wichtig: Wie wirklich große Teile der Bevölkerung in diesem Land behandelt werden, wie die diese Menschen leben und leiden müssen, ist unvorstellbar grausam. Menschen die auf den Strassen oder in Slums leben, halb verhungert, teilnahmslos, perspektivlos. Wenn ich an die erlebten Ungleichheiten in Indien zurückdenke, habe ich oft das Bild einer Mall in Kolkata vor Augen. Auf der einen Strassenseite liegen die Menschen im Dreck, ausgemergelt, blass, leere Blicke. Auf der anderen Strassenseite, keine 10m entfernt, erhebt sich ein blitzsauberer Palast des Konsums. Adrett gekleidete Menschen, wohlhabend. Und diese beiden Welten begegnen sich nicht. Als gäbe es eine unsichtbare Mauer. Hinduismus halt, ist man geneigt zu denken. Ja, sicher. Aber eine Religion, die Ungleichheiten zementiert, Menschen in Armut zwingt, dürfte es meiner Meinung nach nicht geben. Wo bleiben die Menschenrechte in diesem Land? Was ist mit dem Grundrecht auf Nahrung? Spielt keine Rolle, denn wie so oft ist die Religion mit der Politik verwoben. Der status quo nutzt den Machthabenden, erst küzlich wurden Entscheidungen getroffen, welche Indien in Richtung eines reinen Hindu-Staates verändern. Die Hindu-Nationalisten sind auf dem Vormarsch. Die Einschränkung der Grundrechte der Muslime ist da nur ein Beispiel.

Ich wünsche den Menschen in Indien eine Perspektive auf Freiheit von Leid. Wenigstens das.

Auf nach Rom

Am 15. Dezember, mitten in der Nacht, startete unser Flugzeug in Richtung Rom. Dort würden wir noch eine Stunden verbringen und uns die Stadt ansehen, bevor es weiter nach Frankfurt ging. Aber dazu später mehr…

P.S.: Beim Boarding in Delhi standen wir fast am Ende der Schlange. Eine Mitarbeiterin von Alitalia bemerkte unsere Kinder und rief uns quer durch den Gang nach ganz vorne. Wir durften als erste das Flugzeug besteigen. BELLA ITALIA!

Eine Antwort auf „Delhi“

  1. Danke für den interessanten und lesenswerten Artikel. Wir hatten 2021 einen dreiwöchigen Aufenthalt in Südindien geplant den wir nun wg Corona abgesagt haben. Irgendwie bin ich froh- auch nach dem Lesen deines Artikels mit den eindrücklichen Bildern Ulla❣️

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