Indien – Kolkata

Endlich raffe ich mich auf, den Artikel über Indien zu schreiben. Jeder versuchte sich bislang davor zu drücken. Der Grund: Viele Eindrücke, sowohl positive als auch verstörende, die verarbeitet werden mussten. Zunächst einmal muss ich erwähnen, dass wir bei der Planung unserer Indien-Reise einen nicht unerheblichen Fehler gemacht haben: Wir haben nicht in Goa angefangen. Goa ist ein Landstrich mit einer wunderschönen, kilometerlangen Sandküste im Westen Indiens. Wahrscheinlich der einzige einigermaßen erträgliche Ort in ganz Indien. Aber ich will dem Land nicht ungerecht werden, wir haben einfach falsch geplant und sind alleine als Touristen eingereist. Unseren Aufenthalt in Goa in der 3. Woche hatten wir erst gar nicht auf dem Schirm gehabt. Im Laufe der ersten 2 doch sehr anstrengenden und schockierenden Wochen haben wir spontan umplanen müssen.

Start in Kolkata (ehemals Kalkutta)

Uns wurde erzählt, dass Indien stinkt, dass in Indien Armut herrscht, dass es hier schmutzig ist und laut unserer Reisemedizinerin sei Indien ein „Drecksloch“ und sie würde uns alles spritzen, was sie habe (Impfungen). Auf all das haben wir uns eingestellt, doch nicht auf das, was uns letztendlich erwartete.

Geplant hatten wir zunächst ein wenig Sightseeing in Kolkata (Stadt und Kultur ein wenig kennenlernen), anschließend Flug nach Chennai, an der Süd-östlichen Küste Indiens, danach mit der Eisenbahn in den noch etwas südlicheren Bezirk Tamil Nadu, wo wir einige christliche Kinderdörfer besuchen wollten (uns wurde eine Unterkunft in einer Missionsstation bereitgestellt), und anschließend über Mumbai und New Delhi für die Weihnachtstage endlich nach Hause. Soweit der Plan.

Als wir kurz nach Mitternacht am 23.11.2019 am Flughafen in Kolkata ankamen, wirkte das Flughafengebäude bis auf einen einzigen geöffneten Geldwechsel- Schalter wie ausgestorben und ziemlich vernebelt. Keine Stände für indische Sim-Card und auch kein Internet. Wir verließen das Gebäude und kaum draußen, schlug uns der Smog entgegen. Er wirkte wie Nebel, nur dass er einen unangenehmen Geruch nach verbrannter Braunkohle hatte und nicht kalt war. Er kratzte im Hals, brannte in den Augen und verursachte Kopfschmerzen. Wir zogen unsere Atemschutzmasken an, denn wir waren ja nicht uninformiert und haben uns diese bereits in Bangkog besorgt, und machten und auf die Suche nach einem Geldautomaten, denn im Flughafengebäde selbst war nur der eine Geldwechselschalter geöffnet. Daniel wollte dort das thailändische Geld wechseln, um Uber zu bezahlen, jedoch wollte der Mann am Schalter unverschämte Gebühren dafür haben. Als Daniel sich dagegen entschied, wurde er von ihm sonderlich, wenn nicht sogar eher unverschämt und scheinbar etwas wissend angegrinst. Später wussten wir auch warum: Es gab draußen weit und breit nur einen Geldautomaten gegenüber vom Flughafengebäude auf der anderen Straßenseite, der eher wie eine kleine halb zerstörte Glas-Baracke mit einem ziemlich abgeranzten Automaten aussah. Davor eine lange Schlange von Männern. Auch um uns herum standen viele Männer und starrten uns nicht sonderlich freundlich und erst recht nicht hilfsbereit oder zuvorkommend an, als würden sie beobachten, was wir machen würden. Die meisten von ihnen eine Art Taxifahrer, die zu einem unverschämten Preis mit ihrer unseriös wirkenden Schrottkarre Fahrdienste anboten. Wir beschlossen, zurück ins Flughafengebäude zu gehen, um dort im Abfahrtsterminal nach einem fernünftigen Geldautomaten zu suchen, wurden jedoch an der Tür direkt von einem Wachmann mit Maschinenpistole aufgehalten, da man das Gebäude ohne ein gültiges Flugticket nicht mehr betreten durfte. Also doch zu diesem abgewrackten Automaten und trotz des Anstarrens von allen Seiten und dem Smog in die Schlange stellen, um irgendwie an Geld zu kommen, irgendein Taxi zu nehmen und bezahlen zu können. Zum Glück übernahm Daniel die Aufgabe, während ich, eingeschüchtert von der Situation und der unsichtbaren aber deutlich spürbaren Mauer, die sich zwischen uns und diesen Menschen (fast ausschließlich männlich) wie eine unüberwindbare Barriere auftat, mit den übermüdeten Kindern auf der Seite des Flughafengebäudes blieb.

Daniel erhielt tatsächlich Geld, aber erst nachdem er es mit der Visa-Card erfolglos und nach dem 2. Mal Anstellen mit meiner Mastercard erneut versuchte. Wir ließen uns nach kurzer Preis-Verhandlung auf ein Taxiunternehmen ein (kurz nachdem wir losfuhren, war erstaunlicherweise außerhalb des Flughafengebäudes Internet wieder vorhanden!?) und wurden – Gott sei Dank! – tatsächlich zu unserem ersten Hotel in der Nähe des Flughafengebäudes gebracht (für den Rest der Nacht). Na ja, ein Hotel konnte man es beim besten Willen nicht nennen: keine Dusche, nur ein Wasserhahn mit kaltem Wasser und Eimer, von Sauberkeit keine Spur, Löcher in der Wand in Bodennähe, um das Putz- oder Waschwasser nach draußen auf die Straße abzulassen und nicht schallisoliert – man hörte die Leute auf den Straßen reden und vor allem das Gehupe der Fahrzeuge (Indien ist echt laut! Rund um die Uhr sind massig Menschen auf den Straßen, in den Nachtstunden ausschließlich Männer, und es wird ununterbrochen gehupt – teilweise in Dauerbetrieb!) Der Hotelbesitzer war sehr freundlich und sehr redselig (Es ärgerte ihn sehr, dass die meisten „klugen Köpfe“, wie auch sein Sohn, Indien verlassen wollen und meist auswandern. Seinen Sohn habe er zurechtgestutzt, er habe ihm die Bildung ermöglicht und habe hierfür keine Kosten gescheut und erwarte nun von ihm eine Unterstützung im Alter. Das Hotel als zusätzlicher Anreiz.) Er sprach gutes und, wenn man sich an den indischen Akzent und das rollende „r“ gewöhnt hat, auch meist verständliches Englisch. Er war sehr froh, ausländische Gäste zu haben, verwöhnte uns mit einem, wie wir später feststellten, „guten“ Frühstück und Kaffee und half Daniel sogar, eine Sim-Card zu besorgen, indem er ihn zu einem Laden begleitete und den Kauf auf indisch abwickelte. Als Daniel auf das Ablaufdatum der Karte hinwies, welches nicht das war, was er haben wollte und bezahlt hatte, wurde der Verkäufer von dem Hotelbesitzer ziemlich hart und lautstark in die Mangel genommen, bis dieser schon fast weinerlich erklärte, dass alles seine Richtigkeit hätte und das Datum nur für die Aktivierung der Sim-Card sei. Später stellte sich heraus, dass er tatsächlich dreist gelogen hatte und uns eine bereits gebrauchte und nicht lange gültige Karte verkauft hatte. Wir mussten sie später dann mit zusätzlichem Guthaben aufladen – nicht viel für unsere Verhältnisse, aber ärgerlich und vor allem war es für uns erschreckend, wie sehr unser Vertrauen missbraucht wurde. Diese Erfahrung zeigte uns, dass wir niemandem trauen konnten, und dieses ständige Misstrauen und die einhergehende Angst, über´s Ohr gehauen zu werden oder gar Schlimmeres, nagte an uns und fraß uns auch später innerlich mehr und mehr auf, sodass wir zunehmend Energie für Entdeckungen und Aktivitäten verloren.

Als Daniel wieder zurück kam, fuhren wir mit Uber zu unserem Homestay. Dieses entsprach ebenfalls weder unseren Vorstellungen noch der Beschreibung bei booking.com., aber für die Verhältnisse in Indien oder besser gesagt in dieser Stadt gehörte dieses Homestay, wie wir später erkannten, eher zu den luxuriöseren Unterkünften. Trotzdem waren wir zunächst schockiert: vergitterte Fenster und Außentür, sogar vergitterte Innentüren, Boden ranzig, Dusche ohne Abtrennung zur Toilette in einer engen Kabine und bei uns nur Kaltwasser (Bei den Kindern eine Etage höher war das Wasser lauwarm, da haben wir dann auch geduscht), unter unseren Fenstern auf der Straße lebende Familien mit Kindern und dazu der allgegenwärtige Smog, dem man nicht entfliehen konnte, da die Fenster einfach verglast und undicht waren. Der „Zimmerservice“ ließ sie zudem nach der Reinigung sperrangelweit offen.

Das Gefühl, das uns immer wieder überkam und regelrechte Übelkeit verursachte, kann ich nicht beschreiben. Es war nicht Ekel vor den üblen Gerüchen von Fäkalien in der Kanalisation oder vergammeltem Fleisch (wie in der stehenden Hitze verwesende Tierkadaver – wer schon einmal an einem vorbeigegangen war, weiß, wie das riecht!) an zahlreichen Straßenverschlägen, es war auch nicht der Anblick der vielen obdachlosen Menschen, die schlimmer als Tiere dahinsiechten und ihr Dasein mehr schlecht als recht fristeten, auch nicht der Smog oder die absolut fehlende Rücksicht auf Fußgänger im Straßenverkehr oder die fehlenden oder maroden Gehsteige. Vielleicht waren es die leeren Blicke der Menschen, die sich in ihr Schicksal ergaben und das Leben so wie es war widerspruchslos hinahmen, weil sie in einem vorherigen Leben Fehler begangen haben und nun alles ertragen mussten um im nächsten Leben priviligierter wiedergeboren zu werden (diese Denkweise ist ihrer Religion geschuldet). Vielleicht war es auch die Teilnahmslosigkeit der „Priviligierteren“ Menschen, die das Elend nicht wahrzunehmen schienen und durch die Menschen auf der Straße hindurch sahen. Vielleicht, weil die Schopping-Malls, in die wir flüchteten, um dem Smog und dem Gestank zu entkommen, so rappelvoll waren mit Menschen, die sich im Schopping-Rausch das Elend aus dem Hirn zu brennen versuchten.

Essen und Zeitvertreib in der Mall

Letzendlich könnte man viel spekulieren. Tatsache ist, uns ging es nicht gut. Trotz gutem Essen in Restaurants oder Malls (Indien hat eine erstklassige Küche!), einem wirklich erstklassigem Café, welches wir jeden Tag um die Ecke aufsuchten, und trotz täglicher Unternehmungen bekamen wir immer mehr Heimweh. Die gescheiterten Versuche, die berühmten Straßenmärkte zu besuchen, trugen ihren Teil dazu bei. Sobald wir aus dem Taxi stiegen, wurden wir von Händlern, den sog. Schleppern, bettelnden und weinenden Frauen mit Säuglingen und Kindern umringt, sodass ein Vorankommen erheblich behindert wurde. Jeder versuchte uns, als ausländische und damit „wohlhabende“ Touristen, in ihren Laden irgendwo in einer Seitenstraße zu locken und ließen trotz deutlicher und zunehmend unfreundlicher Ablehnung nicht locker. Es war die reinste Hölle, sodass wir schnellstens aus dem brodelnden Kessel flüchteten und in einer etwas ruhigeren Gegend wieder Uber bestellten um fortzukommen. Ziel: nächste Shopping-Mall 🙂

Ein kleiner Lichtblick war der Besuch des „Science City“, ein Wissenschaftspark für Groß und Klein (echt sehenswert!), wo wir endlich freundliche und weltoffene Menschen, Wissenschaftler, Proffessoren und Studierende von der Uni Kolkata, u.a. auch Frauen, die Interessierten ihre neuesten Forschungsprojekte anhand von Modellen und Ausstellung erklärten, trafen. Sie alle sprachen fließend Englisch, sodass wir uns gut verständigen konnten. Sie machten mit uns Selfies und baten um eine kurze schriftliche Bewertung ihrer Präsentationen mit Namen und unserem Heimatland. Hier war die imaginäre Barriere komischerweise nicht spürbar. Wir haben uns sehr gut mit diesen Menschen unterhalten und dabei sogar erfahren, dass einer der Professoren, der an Fusionsreaktoren forscht, bereits zwei Mal im Forschungszentrum Jülich war!

Fortbewegt haben wir uns fast ausschließlich mit Uber. Einige wenige Male fuhren wir auch mit der U-Bahn, was jedoch aufgrund der Überfüllung keine schöne Erfahrung war. Man stelle sich eine Sardinenbüchse vor, doch die Passagiere an den nächsten Stationen schafften es trotzdem noch hinein zu gelangen, obwohl eigentlich nichts mehr reinpasste! Das Rauskommen war entsprechend auch nicht einfach, wenn Leute gleichzeitig versuchten hinein zu gelangen. aeinmal weinte Timo beim Aussteigen, weil er vor mir rausgeschoben wurde, ich jedoch nicht hinterher kam, da die hineindrängenden Menschenmassen mich nicht raus ließen. Als die Türen schon begannen sich zu schließen und ich mich schon fast zum Ziel durchgekämpft hatte, schubste mich glücklicherweise ein hilfsbereiter Passagier den letzten Meter hinaus. Bei einem unserer Erkundungsgänge durch die Stad kamen wir an einem Bahnhof für Fernzüge vorbei. Bei dem Anblick der vorbeifahrenden Züge stand für uns der Entschluss fest, diese nicht zu nutzen und entsprechend nicht aufs Land zu fahren, um Kinderheime zu besuchen. Die Waggons hatten keine Türen, die Leute hielten sich an einer Mittelstange fest, um während der Fahrt aus dem restlos überfüllten Zug nicht rauszufallen. Das konnten wir mit unseren Kindern definitiv nicht bringen!

Am 27.11.2019 verließen wir Kolkata in Richtung Chennai. Endlich raus aus dem Smog!

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