Versuch einer Fortsetzung – Chennai

Wir sind immer noch nicht fertig. Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat vergingen und weder Lena noch ich fanden die Motivation unsere Erfahrungen aus Indien und den Reisen danach zu vervollständigen. Jetzt aber – hoffentlich – wirklich – echt jetzt? Echt!

Es ist nicht das „müssen“, sondern der Drang nach Verarbeitung und Konservierung der Erinnerung, der mich jetzt zum schreiben drängt. Unsere Erfahrungen aus Indien waren und sind auf eine Weise prägend, dass wir erst in Marokko und auf den Kanaren feststellten, was dieses Land eigentlich mit uns gemacht hat. Aber dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr…

Ankunft in Chennai

Wir landeten gegen Abend, es war bereits dunkel. Was wir aber direkt erkennen konnten: Die Luft war deutlich sauberer als wenige Stunden zuvor in Kolkata! Kaum Gestank, wenig Nebel. Es wirkte vergleichsweise aufgräumt und sauber. Wir waren erleichtert. Wir sprachen kurz mit unserem Fahrer über die schlechte Luft in Kolkata, der erstaunt wirkte. Im Rückblick wenig überraschend: Den Menschen ist es oft gar nicht klar, unter welchen Bedingungen sie leben (Ein Passant sprach uns noch in Kolkata an, weshalb wir Masken tragen würden. Wir wiesen auf den Smog hin, den Nebel, den (grau-gelben) Himmel. den Husten der Menschen. Was denn damit sei, fragte er zurück…).

Wir hatten ein (für indische Verhältnisse) unverschämt teures Hotel reserviert, eine Erfahrung wie in Kolkata wollten wir unbedingt vermeiden. Wir wurden nicht enttäuscht und hatten auf diese Weise eine Basis, die uns ein sicheres Gefühl gab und uns half, entspannter die Umgebung zu erkunden (eine als sicher empfundene „Basis“ ist ein nicht zu unterschätzender Faktor bei jeder Reiseplanung!). Das Frühstück war ausgezeichnet (bis auf den Kaffee), tagsüber und abends aßen wir in Malls. Zwischendurch wagten wir uns in die Stadt und ihre Umgebung.

Die Stadt

…war bei Tageslicht natürlich nicht ganz so sauber und smogfrei wie wir bei Dunkelheit glaubten festgestellt zu haben. Hey, so what? Wir waren schließlich in Indien. Expect the worst. Aber: Die Menschen begegneten uns fast ausnahmslos freundlich und zuvorkommend. Ein Lächeln war hier keine Ausnahme.

Wir besuchten den Kapaliswarar-Tempel und die St. Thomas Basilica. Beides imposante Bauwerke, die nicht wirklich ins (dreckige) Stadtbild zu passen schienen. Wir wagten uns an den Strand, welcher in keiner Weise mit dem zu vergleichen war, was wir gemeinhin als „Strand“ bezeichnen würden. Das Wasser stank, der Sand war dreckig und vermüllt. Traktoren versuchten mit großen Rechen den gröbsten Unrat zu beseitigen. Einige hundert Meter abseits des zentralen Strandabschnitts lebten Fischer auf und neben ihren Booten. Wir bekamen mit, wie sich einige im flachen Wasser erleichterten (Loch mit der Hand graben, Geschäft erledigen, mit Meerwasser abwischen, Loch wieder zu). Wäsche lag auf dem Sand zum trocknen. Überall Müll. Egal wor wir uns in der Stadt bewegten: Dreck und Armut waren allgegenwärtig.

Armut

…hat in diesem Land eine andere Dimension. Wir hatten bereits Slums auf den Philippinen gesehen und erlebt, wie die Menschen dort leben (müssen). Aber in Indien ist das Elend gefühlt um einiges direkter und brutaler. Teilweise konnten wir kaum fassen, dass Menschen so leben können. Wir sahen Strassenkreuzungen, in deren Mitte einfache Slums aus Planen errichtet wurden (inmitten der Abgase, dem Dreck, dem 24/7 Gehupe). Und wir sahen die Menschen die dort lebten. Apathisch, leere Blicke. Wir hatten vieles über Armut gelesen und gehört. Aber das hat uns nicht darauf vorbereitet, was wir hier sahen. Es verschlug uns den Atem. Was würde wohl aus Kindern werden, die hier aufwachsen? Unvorstellbar.

Wir begannen die Bereiche, von denen wir vermuteten, mit übermäßiger Armut konfrontiert zu werden, zu meiden. Zu aufwühlend waren diese Konfrontationen. Insbesondere Lena gelang es nur schwer, sich vom Gesehenen zu lösen. Die Kinder hatten großen Redebedarf, ihnen gelang es aber erstaunlich gut, mit den Erlebnissen umzugehen.

Kishkinta Freizeitpark

Einen Tag nutzen wir zum Besuch eines Freizeitparks. Auch hier hinkt ein Vergleich mit den uns bekannten Anlagen. Die Attraktionen waren sehr in die Jahre gekommen. Unsere Kinder hat trotz anfänglicher Berührungsängste (der Park vor voller Schulkinder) viel Spaß. Für uns ungewohnt: Es gab einen großen Wasserspielplatz mit Schwimmbecken, in dem sich hunderte Kinder in kompletter Kleidung (teils Schuluniformen) tummelten und badeten. Als unsere Kinder nur in Badehose ins Wasser wollten, wurden sie von den Bademeistern sofort zurückgepfiffen.

Viele Fahrgeschäfte durften wir ohne uns anzustellen bevorzugt benutzen (man leitete uns ungefragt direkt an den vielen Wartenden vorbei) und bat uns vor Verlassen des Parks mit dem Manager zu sprechen, man sei an unserer Meinung interessiert (wir waren (vermutlich seit Langem??) die einzigen ausländischen Gäste). Was uns zunächst etwas unangenehm war, nutzen Jona und Timo im Anschluss regelmäßig. So durften die beiden mehrfach Autoscooter fahren, was den einheimischen Kindern verwehrt wurde. Überhaupt waren die Menschen hier auffallend freundlich und aufgeschlossen. Insgesamt hat uns der Aufenthalt hier sehr gefallen.

Etwas abenteuerlich gestaltete sich der Rücktransport zum Hotel. Wir mussten 45 Minuten in der Dämmerung vor der Anlage auf unser Uber warten. In dieser Zeit versuchten mehrereTuktuk-Fahrer uns davon zu überzeugen, dass Uber hier nicht hinfahren würde. Wir wurden zunehmend nervös, aber glücklicherweise holte uns der freundliche Fahrer nach einer gefühlten Ewigkeit ab. Die Rückfahrt dauerte eine weitere Stunde, für die der Fahrer laut Uber umgerechnet ca. 10€ bekommen sollte (ohne Trinkgeld, das gabs natürlich extra. Man überschlage: 45 Minuten um uns abzuholen + 60 Minuten Heimfahrt + Benzin + Verschleiß). Das kann sich auch in Indien nicht rechnen, Benzin ist nur unwesentlich günstiger als bei uns.

Am 3.12.19 ging es dann weiter per Propellerflugzeug nach Goa (für die Kinder ein tolles Erlebnis). Dort sollte vieles anders sein.

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