In Marokko erlebten wir eine interessante Mischung aus Gewohntem und Neuem. Gewohnt, weil uns neben der Sprache vieles an Frankreich erinnerte. Neu, weil wir bisher keinerlei Erfahrungen mit der arabischen Kultur hatten. Wir fühlten uns wohl und entdeckten entspannt unser Reiseziel.
Ankunft
Für unseren 3-wöchigen Aufenthalt hatten wir uns einen Mietwagen gebucht, was sich als gute Entscheidung erwies, denn viele Ziele waren mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn überhaupt, nur schwer erreichbar. Wir starteten unsere Reise in Marrakesch, wo wir unser erstes Abenteuer bereits kurz nach der Landung zu bestehen hatten: Es war bereits dunkel und wir fuhren zu der Adresse südöstlich von Marrakesch, wo sich unser Hotel befinden sollte. Je näher wir dem Ziel kamen, umso schlechter wurden die Strassen, bis wir letztlich nur noch eine Geröllpiste befahren konnten (wie wir später lernten in Marokko absolut keine Seltenheit). Am Ziel angekommen, standen wir vor einer hohen Mauer mit einem großen Tor, ohne Möglichkeit zu klingeln oder auf uns aufmerksam zu machen. Mobilfunk? Hier nicht. Nach einigen Minuten des Überlegens, was wir wohl jetzt tun sollten, öffnete sich dann das Tor wie von Geisterhand und wir fuhren auf einen großen, luxuriösen Hof. Plötzlich wirkte alles wie aus einer anderen Welt. Lampen, Fenster, Mauern, Zimmer. Wer einmal in einer bekannten Saunalandschaft östlich von Köln war, kann sich vielleicht vorstellen, wie es rund um das Hotel ausgesehen hat.
Die beiden jungen Männer, die uns empfingen, waren äusserst freundlich und zuvorkommend. Aber Englisch? Leider nein. Wir nutzten also unsere mehr als eingerosteten paar Brocken Französisch, welche uns noch im Gedächtnis geblieben waren. Letztlich bekamen wir auch „mit Händen und Füßen“ unsere Zimmer, die lustige Konversation mit den beiden Jungs bleibt uns aber auf jeden Fall in Erinnerung.
Wissen und Erfahrung
Wieder einmal zeigte sich, dass Wissen und Erfahrung zwei verschiedene paar Schuhe sind. Klar wussten wir vorab, dass wir in Marokko mit Französich weiter kommen als mit Englisch. Aber die Misere vollends erkannt haben wir erst vor Ort. Oder hielten wir unsere Kenntnisse der französischen Sprache für besser als sie waren? honte à nous… (sagt der google Übersetzer).
Wir wussten auch, dass in Marokko die Gebäude nicht beheizt sind. Aber zu erfahren, was es heißt in kalten Gemäuern bei 0 Grad Aussentemperatur zu übernachten (und zu frühstücken!!!), ist etwas anderes. Die bereitgestellten Radiatoren halfen da auch nur bedingt. Aber: Es gab immer aussreichend Decken und ich empfand den Schlaf bei diesen Temperaturen als recht erholsam. Nur wollten wir die Betten morgens nicht mehr verlassen (Brrr…).
Marrakesch
Eine Stadt, wie wir sie noch nicht gesehen hatten. Allein die Fahrt mit dem Auto ins Zentrum war es schon wert: Die Architektur, Straßen, Menschen. Ochsenkarren an der Strassenrändern, Pferdekutschen (für die Touris) und überall geschäftiges Treiben. Wir aßen unsere erste Tagine (ein Nationalgericht) und schlenderten durch die berühmten Gassen. Und als großes Highlight fuhren wir mit einer Kutsche.
Als Autofahrer braucht man allerdings Nerven. Verkehrsregeln taugen bestenfalls als grobe Orientierung, wirklich daran zu halten scheint sich niemand. Augen zu und durch.
Die (natürlich französischen) Supermärkte brachen den Vergleich mit dem, was wir aus Europa kennen, in keinster Weise zu scheuen. Es gibt wirklich alles. In Erstaunen versetzten uns aber vor allem die Gewürzberge…
Wasserfälle von Ouzoud
Für 2 Tage fuhren wir Richtung Nordosten zu den Waserfällen von Ouzoud. Wir bezogen 2 kalte, aber sehr schöne Zimmer (nach ein paar Stunden hatten wir sogar heisses Wasser!). Abermals trafen wir auf sehr freundliche und zuvorkommende junge Gastgeber. Wir konnten uns hier auf Englisch unterhalten und erfuhren so manches über Kultur und Land. Was uns bisher kaum aufgefallen war, bemerkten wir hier umso deutlicher: Auf den Strassen sahen wir fast ausschließlich Männer. Frauen waren eine Seltenheit.
Wir aßen in den zahlreichen, aber zu dieser Jahreszeit kaum besuchten Gaststätten. Wir probierten verschiedene Sorten der Tagine, die uns von allen Seiten als jeweils die Beste am ganzen Ort angepriesen wurde. Immer und zu jeder Tageszeit dazu: Tee. Heiß, sehr süß und mit reichlich frischer Minze. Die Wasserfälle gerieten bei all den Köstlichkeiten leicht zur Nebensache.
Aufgrund der sehr kalten Temperaturen beschlossen wir, entgegen unserer bisherigen Planungen, nicht weiter Richtung Norden bzw. in den Atlas zu fahren, sondern unseren Weg in Richtung Küste fortzusetzen.
Essaouira
Entschleunigung. Dieses Wort passt wohl am Besten zu dieser Stadt. Kein Verkehrschaos, freundliche Menschen. Laissez faire. Einfach toll. Diese Stadt hat es uns angetan.
Wir suchten nicht lange nach einer Unterkunft und entschieden uns für ein sehr geräumiges und luxuriös eingerichtetes Haus. Da es überall Supermärkte gab, versuchten wir es diesmal mit Selbstversorgung. Die Kinder freuten sich auf Nudeln Bolognese, Lena und ich uns auf ein paar entspannte Tage. Und so kam es auch.
Der Vermieter, ein Lehrer an einer örtlichen Schule, empfing uns überaus freundlich. Er zeigte uns voll Stolz sein Haus und die Küche mit den „deutschen“ Küchengeräten. Wir unterhielten uns (auf Englisch) über das Land, er fragte nach unseren Reisen („haben die Kinder denn keine Schule?“) und erzählte von seiner, der „besten Stadt“ des Landes. Er sei kürzlich in Casablanca gewesen. Schrecklich, berichtete er. Hupende Autos, rücksichtslose Menschen, einfach nur laut. Wie Delhi. Aha: Ein Wissender. Das Eis war gebrochen…
Es war wie Urlaub. Wir sollten die Zeit „inshallah“ genießen, wie es unser Gastgeber formulierte. „Amen“ möchte man erwidern. Ich ging morgens in den nahen französischen Supermarkt und holte Croissants mit Schokolade. Wir durchstreiften die Stadt, sahen uns die engen Gassen an. Die Handwerkskunst, genossen den Flair. Leider muss ich gerade beim Schreiben feststellen, dass wir so gut wie keine Bilder der Stadt haben…
An einigen Tagen fuhren wir etwas südlich der Stadt nach Ouassane. Ein Ort, verschlafen und schön zugleich. Hier trafen sich vor allem Surfer. Surfer aus Deutschland mit Bulli. Klischeehafter gings nicht. Den Strand hatten wir dort für uns. Wir schlenderten auf und ab. Es war wahnsinnig schön.
Weiterfahrt
Unser Weg führte uns weiter nach Agadir, jedoch bot die Fahrt dorthin noch eine interessante Begegnung mit den marokkanischen Ordnungshütern. Hierzu sollte man wissen, dass in Marokko die Polizei nahezu omnipräsent ist. Für uns Europäer etwas gewöhnungsbedürftig waren vor allem die Kontrollen an den Ortseingängen. Auch wenn wir immer durchgewunken wurden (weil wir Touristen waren?), behinderten uns diese doch erheblich, da wir deutlich langsamer vorankamen. Zudem wurde in hohem Maße die Geschwindigkeit kontrolliert. Obwohl wir dies wußten, übersah ich nach Essaouira eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Natürlich wurden wir kurz darauf angehalten. Die Hinweise auf einschlägigen Internetseiten besagen für derartige Situationen: Ruhe bewahren, entspannt reagieren, ein bisschen Smalltalk. Wir wurden mit einem Lächeln darauf hingewiesen, dass ich in etwa 15 km/h zu schnell war, ich müsse 150 Dirham (ca. 15€) bezahlen. Es folgte ein kurzes, aber sehr freundliches Gespräch über unser Ziel, wo wir herkämen (Köln war ein Begriff), Anzahl und Alter der Kinder, etc. Schließlich bat mich der Beamte hinter das Polizeifahrzueg zu kommen, wo er mir mit einem breiten Grinsen und einem „be careful“ 100 Dirham zurückgab. Wo die 50 Dirham verschwanden kann man sich sicher denken. Lerne: Die wollen nur spielen…
Agadir
In Agadir bezogen wir eine einfache und sehr günstige Wohnung und versorgten uns ebenfalls selbst. Unser Quartier befand sich in einem bewachten Wohnkomplex, abgeschirmt vom Lärm der Stadt. Die Zeit verbrachten wir häufig am Strand, erkundeten aber auch die nähere Umgebung.
So wanderten wir auf die ehemalige Festung (Kasbah von Agadir), welche bei einem schweren Erdbeben am 29.02.1960 spätabends nahezu vollständig zerstört wurde. Da die Bewohner zu dieser Zeit den Ramadan feierten, waren die Opferzahlen mit geschätzten 12.000 bis 15.000 Menschen besonders hoch. Heute ist ein großer Teil der Ruine ein abgesperrter Friedhof, da die Toten dort nie geborgen wurden.
Am Strand gehörten wir zu den wenigen Touristen zu dieser Jahreszeit. Entsprechend oft wurden wir von den fliegenden Händler umgarnt, die uns neben Tee auch Gebäck, Steine, Schmuck, Blumen etc. verkaufen wollten. Anfangs etwas von dieser Praxis genervt, ergaben wir uns schließlich in unser Schicksal und führten häufig interessante Gespräche (und mussten reichlich Tee und Kakao trinken). Unser Auto konnten wir für 10 Dirham am Tag sehr kostengüntig und sogar bewacht direkt am Strand abstellen. Für nur wenig mehr hätte man das Fahrzeug sogar gereinigt.
Ansonsten lebten wir wie in jeder anderen (europäischen) Urlaubsgegend auch. Wir kauften ein, kochten nach unseren Vorlieben und ließen die Eindrücke auf uns wirken.
Rückfahrt nach Marrakesch und Abreise
Die letzten Tage verbrachten wir direkt in Marrakesch. Wir hatten eine schöne Wohnung vor Ort ausfindig gemacht und schlenderten mehrfach durch Strassen und Parks. Am 7.2. verließen wir Marokko und flogen nach Madrid, von wo aus unsere Reise einige Tage später auf die Kanaren führen sollte.
P. S. :
Im Internet liest man etliche Berichte, in denen die Rede davon ist, dass Frauen in Gesprächen nahezu ignoriert werden (z.B. in Restaurants/Cafes). Wir haben hier etwas andere Erfahrungen gemacht. Sicherlich ist es so, dass bei Bestellungen erst der Mann angsprochen wird. Nachfrage richten sich an den Mann. Verkaufsgespräche auch. Lena hatte aber nie Probleme, sich Gehör zu verschaffen. Sie konnte genauso Gespräche mit Männern vor Ort führen wie ich. Teilweise wurden ganze Gespräche nicht mit mir, sondern mit Lena geführt (der Vermieter in Agadir). Die Gesellschaft ist jedoch unbestritten männlich geprägt, Frauen sieht man auf den Straßen nur in den größeren Städten. Tätigkeiten, die bei uns vor allem von Frauen ausgeführt werden, sind in Marokko fest in Männerhand (z. B. die Reinigung öffentlicher Toiletten).
Vermutlich ist bereits der Status „Tourist“ das Zünglein an der Waage. Wir wissen nicht, wie sich die Männer den einheimischen Frauen gegenüber verhalten. Jedoch sahen wir gerade in den Metropolen auch Frauen, die nicht komplett in Stoff gehüllt waren und eher westliche Kleidung trugen.
Natürlich fragten wir uns auch vorab, wie Lena sich in Marokko anziehen sollte. Sie entschied sich für neutrale, zurückhaltende, aber nicht übermäßig angepasste Kleidung. Dies scheint ohnehin niemand zu erwarten. Denn: in Marokko ist man Tourismus gewohnt. Wie in anderen Ländern dieser Erde auch werden an Touristen nicht die gleichen „moralischen“ Maßstäbe angelegt wie an Einheimische. Man zeigt sich toleranter. So mussten wir auch keinen „Ehenachweis“ bei den Vermietern vorlegen (ja, das müssen marokkanische Paare!). Die Ratschläge einiger Blogs, sich extrem angepasst zu kleiden, scheinen uns im Rückblick massiv überzogen und zeugen meiner Meinung nach von einem vorurteilsbehafteten Bild der marokkanischen Gesellschaft.
Die Tolerierung westlicher Gepflogenheiten (wie z. B. Kleidung) in Marokko dürfte auch eine Folge von Akkulturation sein. Nicht nur wir als Touristen passen uns an und lernen uns in dieser Kultur zu bewegen, auch die Einheimischen verändern durch Kontakt mit internationalen Touristen ihrer Weltbild, machen Erfahrungen und passen diese in ihr Selbstbild ein. Letztlich kommen sich Kulturen so näher. Eine Erfahrung, welche wir in ähnlicher Form bereits im Kinderdorf auf den Philippinen gemacht haben. Kultureller Austausch ist meiner Meinung nach substantiell für die Entwicklung von Offenheit und Toleranz. Wo kein oder wenig Kontakt zu anderen Kulturen (siehe Allports Kontakthypothese), da sprießen Vorurteile und Rassismus. Man schaue in den Osten…
Ein letzter Hinweis: Natürlich ist seit unserem Aufenthalt mittlerweile mehr als ein halbes Jahr vergangen und die Erinnerung ist nicht mehr taufrisch. Und natürlich war nicht immer alles nur toll. Zum Beispiel hat das junge Pferd auf dem Foto Timo getreten. Die Suche unseres ersten Hotels in Marrakesch war auch etwas beängstigend. Einen netten „Fremdenführer“ an den Wasserfällen von Ouzoud wurden wir erst nach einer Spende wieder los. In der Summe jedoch sind wir für die Erfahrungen und Erlebnisse in diesem Land sehr dankbar und werden sicherlich eines Tages wiederkommen.


























































