Hiroshima

Was werde ich für Eindrücke aus einer Stadt mitnehmen, die eigentlich jeder sofort mit der Atombombe in Verbindung bringt? Ich wusste vorab nicht wirklich, was mich erwartet. Ein Park, ein Museum. Soweit der Reiseführer. Aber wie intensiv und aufwühlend der Besuch dieser Orte sein würde, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.

Die Stadt

Hiroshima hat uns sehr gefallen, ist es doch im Vergleich zu den bisher besuchten Städten nicht so eng. Die Strassen sind hell, breit, weitläufig und wie für Japan gewohnt natürlich sehr sauber. Wir bezogen eine relativ große Wohnung, die vorhandene Klimaanlage war auch hier wegen der hohen Aussentemperaturen sehr willkommen. Da wir uns nicht mehr in der Hauptsaison befinden trifft man selten auf größere Menschenmassen, wir konnten alles ohne Gedränge besichtigen. Allerdings stellten wir schnell fest, dass 2 Übernachtungen zu wenig sind um der Stadt gerecht zu werden. Wir beschränkten uns komplett auf Friendenspark- und museum, andere sehenswerte Teile Hiroshimas, wie die nach dem Krieg komplett neu errichtete Burg, mussten wir aus Zeitgründen auslassen.

Der Friedenspark

Wir betraten gegen Mittag den Friedenspark, vorbei am Atomic Bomb Dome, welcher seit Jahrzehnten vom dem Verfall bewahrt wird. Die weltbekannte Ruine wurde 1996 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, gegen den Widerstand von China und den USA. Mit einer gewissen Portion Ehrfurcht gingen wir durch die Anlage in Richtung des zentralen Denkmals. In einem steinernen Sarkophag werden hier die Namen aller Opfer aufbewahrt und es brennt die Friedensflamme, welche brennen soll, bis alle Atomwaffen von der Erde verschwunden sind. Beim Erkunden der Anlage kamen wir an einer Reihe weiterer Mahnmale vorbei: Das Friedensdenkmal für Sadako Sasaki und die vielen Kinder, welche Opfer des Abwurfs wurden. Die Gedenkstätte für die koreanischen Opfer (10% der Einwohner Hiroshimas waren koreanischer Herkunft), ein Hügel, welcher die Asche der Toten enthält. Und die Friedensglocke: Jede(r) ist eingeladen sie zu läuten, was Jona und Timo sich natürlich nicht zweimal sagen ließen. Ganz beiläufig lädt der Park außerdem zum Verweilen ein. Eigentlich untypisch für Japan (so zumindest unsere Beobachtung) gibt es hier sehr viele Sitzgelegenheiten und schattige Plätze, an denen man zur Ruhe kommen kann.

Völlig unvorbereitet wurden wir von einer Gruppe Schüler einer internationalen Schule aus Tokio in Begleitung ihres Lehrers angesprochen, ob sie mit uns ein kurzes Interview zum Thema Frieden machen dürften. Wir willigten ein. Was beudeutet für uns Frieden? Wie kann Weltfrieden erreicht werden? Was steht Frieden im Weg? Hierauf spontan zu antworten fiel uns nicht so leicht, wie man vielleicht denken würde (natürlich mussten wir auf Englisch antworten, aber ehrlich: Allzu oft denke ich über dieses Thema nicht nach).

Das Friedensmuseum

Friedensdenkmal, im Hintergrund das Museum

Nehmen wir Timo mit ins Museum? Wie wird er auf die Bilder und die Ausstellung reagieren? Gehen wir lieber abwechselnd? Diese und andere Fragen stellten wir uns, bevor wir dann doch als ganze Familie das Museum betraten. Wie sich im Verlauf des Besuchs dann aber herausstellte, waren unsere Sorgen völlig unbegründet. Timo zeigte zwar reichlich Interesse für grafische Darstellungen, Animationen und Videos, wollte aber die für einen Erwachsenen oft verstörenden Berichte und Bilder der Überlebenden überspringen („Papa, mir ist langweilig.“ Hierfür ist er glücklicherweise noch zu jung).

In der Ausstellung selbst fallen zunächst einmal die schwarzen Wände und Decken in Kombination mit gedämpfter Beleuchtung auf, was eine eingenartige Atmospäre schafft. War der Eingangsbereich noch weiß und hell erleuchtet, weiß man spätestens jetzt: Es wird ernst.

06.08.1945, 08:15 Uhr. Die Bombe explodiert in 600 m Höhe über der Stadt, tötet augenblicklich zehntausende, bis Ende 1945 wird die Zahl auf 140.000 gestiegen sein. Neben der Darstellung dieser entsetzlichen Zahlen wurden uns Bilder von Fotografen präsentiert, welche nur Minuten nach der Explosion entstanden sind. Es folgten Berichte von Überlebenden, welche das Geschehene sehr explizit beschrieben. Beschreibungen von Familienschicksalen. Die ausgestellte Mauer, auf der der „Schatten“ eines Menschen zu erkennen ist. Gegenstände, welche nach der Detonation gefunden wurden (Kinderfahrrad, Schuluniformen, etc.). Das Leben von Sadaku Sasaki. Ein weiterer Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit den Gründen, die zum Abwurf der Bombe führten. Eine Erklärung besagt, den enormen Entwicklungskosten sollten mit dem Abwurf gerechtfertigt werden.

Hier hätte der Besuch des Museums eigentlich enden können. Wir hatten eine Vorstellung von dem, was passiert ist. Bildeten uns ein, wir könnten das Leid der Menschen nachempfinden, waren tief betroffen. Aber wir sahen uns noch einige Zeichnungen und Kurzberichte von Zeitzeugen an. Hierzu sollte man wissen, dass sich viele Überlebende schuldig fühlten. Schuldig überlebt zu haben und den Mitmenschen nicht geholfen zu haben bzw. dazu nicht in der Lage gewesen zu sein. Jahre später erfolgten Aufrufe, Zeichnungen dieser traumatischen Erfahrungen, welche die Betroffenen Jahrzehnte lang für sich behielten, zu erstellen. Die Initiatoren erhielten viele Einsendungen, von denen einige zur Zeit ausgestellt werden. Unter den Bildern ein Vater, der sein totes Kind auf dem Rücken trägt und versucht ihn zu trösten: „Wie heiß muss es gewesen sein, wie qualvoll muss es gewesen sein. Komm, lass uns gemeinsam nach Hause gehen“. Oder die Mutter, die ihr totes Baby umherträgt auf der verzweifelten Suche nach Brennmaterial, um den Leichnam verbrennen zu können. Und der Lehrer, der seine in der brennenden Schule verschütteten und um Wasser bittenden Schüler zurücklassen muss, um selbst nicht Opfer der Flammen zu werden. Überhaupt sind die nach Wasser dürstenden ein zentrales Thema in den Gemälden. Vielen Opfern hatte Strahlung und Hitze so zugesetzt, dass sie sich auf der Suche nach Wasser ohne Zögern in den Fluss warfen und dabei ertranken. Auf mehreren Bildern sieht man entsprechend Teppiche von Leichen, die auf dem Wasser treiben.

Fazit und Abreise

Hiroshima war für uns sehr lehrreich und aufwühlend. Jona begann am Vorabend unserer Abreise bereits Papierkraniche zu basteln. Lena, Simon und ich hatten viel Redebedarf und wir recherchierten nach weiteren Informationen. Wir verließen am nächsten Morgen eine Stadt, die trotz dieses schrecklichen Erlebnisses die Kraft und Entschlossenheit findet zum friedlichen Kampf für eine Welt ohne Atomwaffen.

Am 11.09. ging es dann weiter mit dem Shinkansen nach Hakata, wo wir gegen Mittag unsere Fähre nach Busan in Südkorea bestiegen.

2 Antworten auf „Hiroshima“

  1. Ihr Lieben!
    Schön, dass Ihr uns an euren bewegenden Erlebnissen teilhaben lasst! Ich freue mich an Eurer Reise teilhaben zu können!

    Liebe Grüße, Chris

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